Fehlmengenkosten
a) Überblick
Fehlmengenkosten spielen insbesondere beim Beschaffungs-Controlling und Logistik-Controlling eine wichtige Rolle.
Die Ermittlung von Fehlmengenkosten setzt voraus, daß für jede fehlende Materialart geprüft wird, welche negativen Auswirkungen aufgetreten sind. Nicht jeder Lieferverzug oder Lieferungsausfall führt dabei zwingend zu Betriebsstörungen oder Betriebsunterbrechungen, so daß zunächst ermittelt werden muß, ob und in welchem Ausmaß Betriebsbeeinträchtigungen oder Betriebsunterbrechungen überhaupt entstanden sind. Dabei sollten zwei Schadenselemente unterschieden werden:
Führt eine Betriebsunterbrechung zu Absatzeinbußen, ist grundsätzlich der hierdurch dem Unternehmen entgangene Deckungsbeitrag als Schaden anzusetzen. Allerdings muß hierbei beachtet werden, daß eine mangelnde Lieferbereitschaft im Absatzbereich nicht zwangsläufig zu einer Absatzeinbuße führt. Beschränkt sich (zum Beispiel bedingt durch entsprechende Lagervorräte) die Betriebsunterbrechung auf den Fertigungsbereich des Unternehmens, ohne daß hierbei der Absatzprozeß in irgendeiner Weise beeinträchtigt wird, so besteht der entstandene Schaden nur aus den zusätzlichen Kosten, die zur Wiederherstellung der ehemaligen Lieferbereitschaft aufgewendet werden müssen. Ist daher eine Wiederauffüllung der durch die Betriebsunterbrechung abgebauten Lagervorräte aus bestimmten Gründen nicht erforderlich, so entfällt auch ein entsprechender Schadensfaktor.
Neben diesen aufgezeigten negativen Erfolgswirkungen können zusätzliche Produktionsunterbrechungskosten und Umsatzunterbrechungskosten anfallen. Produktionsunterbrechungskosten bestehen zum einen aus den zeitabhängigen Stillstandskosten, zum anderen aus den Übergangskosten, die unabhängig von der Unterbrechungsdauer sind und auch bei kurzfristigen Unterbrechungen einen bedeutenden Schadensfaktor darstellen können. Zu den Übergangskosten gehören beispielsweise vertragsbedingte Verzugskosten (zum Beispiel Konventionalstrafen und Schadenersatz) sowie der Verlust an betrieblichem Good-will.
Um den aus Fehlmengen resultierenden Schaden auf ein Minimum zu begrenzen, ist es Aufgabe des Controlling,
Die Bedeutung der fristgerecht-korrekten Bereitstellung ist dabei um so größer, je höher die entsprechenden Fehlmengenkosten sind.
b) Der Zusammenhang von Sicherheitsbestand und Fehlmengenkosten
Es ist Aufgabe der Materialwirtschaft, die vom Betrieb benötigten Werkstoffe und Handelswaren in der richtigen Menge und Qualität zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zur Verfügung zu stellen. Die Lagerhaltung orientiert sich in diesem Zusammenhang in der Regel an der Forderung einer vollkommenen Lieferbereitschaft, d. h. es wird angenommen, daß jede eingehende Bedarfsanforderung ohne zeitliche Verzögerung erfüllt werden muß. In diesem Fall beträgt der Lieferbereitschaftsgrad 100 Prozent:
| Anzahl termingemäß ausgelieferter Bedarfsanforderungen | ||||
| Lieferbereitschaftsgrad = | --------------------------------------------------------------------------- | x 100 | ||
| Gesamtzahl der Bedarfsanforderungen |
In der betrieblichen Praxis muß jedoch im allgemeinen davon ausgegangen werden, daß die Erfüllung einer hundertprozentigen Lieferbereitschaft mit nicht mehr zu rechtfertigenden Kosten verbunden wäre. Je höher der angestrebte Lieferbereitschaftsgrad gewählt wird,
Der Zusammenhang zwischen dem Lieferbereitschaftsgrad und den Lagerkosten für den Sicherheitsbestand wird in der folgenden Abbildung dargestellt:

Der - aus gesamtunternehmerischer Sicht - optimale Lieferbereitschaftsgrad ergibt sich aus einem Vergleich der möglichen Fehlmengenkosten mit den Lagerhaltungskosten eines zusätzlichen, den erwarteten Bedarf übersteigenden Sicherheitsbestandes. Da die gesamten Fehlmengenkosten mit steigendem Lieferbereitschaftsgrad abnehmen, die Kosten für zusätzliche Sicherheitsbestände hingegen zunehmen, führen die Gesamtkosten der Lieferbereitschaft in Abhängigkeit vom Lieferbereitschaftsgrad zu einem konvexen Kurvenverlauf, wie er in der folgenden Abbildung dargestellt wird:

Der Bedarf an Einsatzgütern unterliegt im allgemeinen zufallsbedingten Schwankungen, die durch Wahrscheinlichkeitsverteilungen wiedergegeben werden können. Bei normalverteilten Bedarfsmengen liegt der wahrscheinlichste Wert der Bedarfsmengen genau in der Mitte der Skala aller möglichen Bedarfsanforderungen. Da dieser Wert in die Formeln zur Bedarfsermittlung eingeht, können lediglich 50 Prozent aller Bedarfsanforderungen gedeckt werden, d. h., es ist erst ein Lieferbereitschaftsgrad von 50 Prozent gesichert.
Die Aufgabe des Sicherheitsbestandes besteht daher vor allem darin, die über den wahrscheinlichsten Wert hinausgehenden Bedarfsanforderungen abzudecken beziehungsweise das Risiko einer fehlenden Lieferbereitschaft zu begrenzen. Bedingt durch den oben dargestellten Zusammenhang zwischen Sicherheitsbestand und Fehlmengenkosten sind bei der Entscheidung über die Höhe des Sicherheitsbestandes die kosten- und erlösmäßigen Folgen einer Betriebsunterbrechung beziehungsweise Betriebsstörung zu analysieren und gegen die Kosten zur Haltung von Sicherheitsbeständen abzuwägen.
c) Lieferantenbeurteilung zur Vermeidung von Fehlmengenkosten
Um die auf Lieferanten zurückzuführenden Fehlmengenkosten in engen Grenzen zu halten, sollte die Leistungsfähigkeit der wichtigsten Lieferanten regelmäßig überprüft werden. Hierfür können beispielsweise die folgenden Kennzahlen verwendet werden:
| Zahl der verspäteten Lieferungen | |||
| Verzugsquote = | ------------------------------------------------- | x 100 | |
| Gesamtzahl der Lieferungen |
| Zahl der beanstandeten Lieferungen | |||
| Beanstandungsquote = | ----------------------------------------------------- | x 100 | |
| Gesamtzahl der Lieferungen |
| Zahl der Fehllieferungen | |||
| Fehllieferungsquote = | ------------------------------------------ | x 100 | |
| Gesamtzahl der Lieferungen |
Die Verzugsquote gibt Aufschluß über die Termintreue der einzelnen Lieferanten.
Die Beanstandungsquote, die auch als Reklamationsquote bezeichnet wird, zeigt das Verhältnis zwischen beanstandeten Lieferungen und der Gesamtzahl der Lieferungen. Durch die Fehllieferungsquote wird zum Ausdruck gebracht, wie hoch der Anteil falscher Lieferungen im Verhältnis zur Gesamtlieferung ist.
Das Risiko von Fehlmengen sollte - sofern dies vertraglich durchgesetzt werden kann - auf den Lieferanten abgewälzt werden.
Copyright © 2000
![]()
Homepage: http://www.mkonetzny.de
Adresse: